Vielleicht steht bei dir bereits eine Aloe vera auf der Fensterbank. Vielleicht kennst du die Pflanze auch nur von einer Cremedose oder einer Getränkeflasche. Ihre fleischigen Blätter wirken vertraut. Was tatsächlich in einem Aloe-vera-Produkt steckt, lässt sich am Pflanzenbild auf der Verpackung aber noch nicht erkennen.
Wenn du Aloe vera bewusst auswählen möchtest, lohnt sich ein genauerer Blick. Du musst dafür weder botanische Fachbegriffe lernen noch jede Werbeaussage überprüfen. Für den Anfang genügt eine entscheidende Unterscheidung: Welcher Teil der Pflanze wurde verarbeitet, und wofür ist das fertige Produkt gedacht?
Eine Pflanze, die Wasser speichert
Aloe vera ist eine mehrjährige Sukkulente. Sukkulenten können Wasser in ihrem Gewebe speichern. Botanisch gehört die Art zur Familie der Asphodelaceae. Ihre dicken, saftigen Blätter passen zu einer Pflanze, die in trockenen Lebensräumen wächst. Trotz ihres Aussehens ist sie kein Kaktus. Die botanische Datenbank der Royal Botanic Gardens, Kew, führt Aloe vera als anerkannte Art. [1]
Auf Verpackungen begegnet dir auch der Name Aloe barbadensis. Er wird als Synonym für Aloe vera verwendet. Daraus folgt allerdings noch keine Aussage darüber, wie viel Aloe im Produkt enthalten ist oder welche Eigenschaften die gesamte Rezeptur besitzt. Der Pflanzenname beschreibt die Herkunft eines Bestandteils, nicht die Qualität des fertigen Produkts. [1, 2]
Für deinen Einkauf ist deshalb weniger entscheidend, wie eindrucksvoll die Pflanze auf dem Etikett dargestellt wird. Hilfreicher sind klare Angaben zum Inhalt und zur vorgesehenen Verwendung.
Im Blatt stecken unterschiedliche Materialien
Das klare, gelartige Blattinnere wird als Aloe-vera-Gel oder Blattmark bezeichnet. Davon zu unterscheiden ist der gelbliche, anthranoidhaltige Blattsaft aus dem Bereich unterhalb der grünen Blattrinde. Für dieses Sekret wird auch der Begriff Latex verwendet. Zu seinen Bestandteilen gehört Aloin. Ganzblattzubereitungen können wiederum Bestandteile verschiedener Blattschichten enthalten. [21]
Diese Unterschiede sind besonders wichtig, wenn ein Produkt eingenommen werden soll. Das Bundesinstitut für Risikobewertung bewertet anthranoidhaltige Ganzblattzubereitungen kritisch. Seine entsprechende Bewertung gilt ausdrücklich nicht in gleicher Weise für Zubereitungen aus anthranoidfreiem Gel des Blattinneren. Es wäre deshalb ungenau, alle Aloe-Produkte als gleichwertig zu behandeln. [2]
Auch die Wörter Gel und Saft können im Alltag verwirren: Ein Hautgel ist etwas anderes als ein als Lebensmittel angebotenes Trinkgel. Verlass dich bei der Anwendung auf die ausdrückliche Produktkennzeichnung.
Was Aloe vera in der Hautpflege interessant macht
Aloe vera wird in kosmetischen Rezepturen eingesetzt. Eine kleine Untersuchung mit 20 Frauen fand bei bestimmten Formulierungen mit gefriergetrocknetem Aloe-Extrakt eine erhöhte Feuchtigkeit der obersten Hautschicht. Untersucht wurden die Unterarme und Anwendungszeiträume bis zu zwei Wochen. Der gemessene Wasserverlust durch die Haut veränderte sich gegenüber der Grundlage nicht. [4]
Das ist ein konkreter Hinweis auf feuchtigkeitsspendende Eigenschaften bestimmter Rezepturen. Es ist aber kein Beweis dafür, dass jedes Aloe-Gel gleich wirkt, dass ein höherer Aloe-Anteil automatisch besser ist oder dass Aloe jede Hauterkrankung behandeln kann.
Für deine tägliche Pflege darf die Frage deshalb einfach bleiben: Ist das fertige Produkt für meinen Zweck geeignet, vertrage ich es, und gefällt mir seine Anwendung?
Pflege ist etwas anderes als eine Behandlung
Eine Creme soll sich angenehm anfühlen und zu deiner Haut passen. Wenn du jedoch anhaltende Beschwerden hast, braucht es mehr als eine passende Konsistenz. Die Forschung zu Aloe vera umfasst unterschiedliche Anwendungen, häufig mit kleinen Studien und speziellen Präparaten. Daraus lässt sich keine allgemeine Heilwirkung für beliebige Kosmetik ableiten. [5]
Du musst dich also nicht zwischen Interesse an einer Pflanze und einem nüchternen Blick auf die Fakten entscheiden. Beides passt zusammen. Du kannst Aloe-Pflege mögen und gleichzeitig darauf achten, dass aus einem Pflegeversprechen keine vermeintliche medizinische Sicherheit wird.
Warum ein frisches Blatt keine fertige Pflege ersetzt
Ein selbst abgeschnittenes Blatt wirkt ursprünglich und überschaubar. Bei der Verarbeitung zu Hause ist die Trennung der Blattschichten jedoch schwieriger, als kurze Anleitungen vermuten lassen. Untersuchungsämter warnen insbesondere bei der Zubereitung zum Verzehr vor einer Übertragung von Aloin in das herausgelöste Gel. [3, 6]
Hinzu kommt bei selbst gemachter Kosmetik die Frage nach der mikrobiologischen Sicherheit. Wasserhaltige Produkte brauchen ein geeignetes Konzept gegen Verkeimung. Frische allein belegt keine Sicherheit. [7]
Wenn du vor allem unkomplizierte Pflege suchst, kannst du dir die Frage stellen, ob du wirklich selbst verarbeiten möchtest. Ein fertig formuliertes Produkt mit nachvollziehbaren Angaben lässt sich leichter beurteilen als eine Mischung, deren Zusammensetzung und Haltbarkeit du nicht kennst.
Dein erster Schritt zu einer bewussten Auswahl
Überlege zuerst, was du suchst: leichte Pflege für die Haut, eine reichhaltigere Creme oder Informationen zu einem Getränk. Vergleiche danach nur Produkte derselben Kategorie. So wird aus einer unübersichtlichen Auswahl eine konkrete Entscheidung.
Nimm dir dafür die Zeit, die du brauchst. Ein passendes Produkt muss dich nicht mit grossen Versprechen überzeugen. Es sollte dir verständlich zeigen, wofür es gedacht ist und wie du es verwendest.
Dein nächster Schritt: Lies bei einem Aloe-Produkt zuerst den Verwendungszweck und die vollständigen Inhaltsangaben. Erst danach lohnt sich der Vergleich von Preis, Verpackung und persönlichen Vorlieben.
Quellen
**[1] Royal Botanic Gardens, Kew.** Aloe vera (L.) Burm.f. Plants of the World Online. Botanische Einordnung und Synonyme. https://powo.science.kew.org/taxon/urn:lsid:ipni.org:names:530017-1
**[2] Bundesinstitut für Risikobewertung.** Nahrungsergänzungsmittel mit anthranoidhaltigen Aloe-Ganzblattzubereitungen bergen gesundheitliche Risiken. Stellungnahme Nr. 032/2017 vom 2. November 2017. Historische toxikologische Bewertung; im Text nicht als Aussage zur aktuellen Rechtslage verwendet. https://www.bfr.bund.de/cm/343/nahrungsergaenzungsmittel-mit-anthranoidhaltigen-aloe-ganzblattzubereitungen-bergen-gesundheitliche-risiken.pdf
**[3] Lerch C, Barthmann M, Gronbach I. / CVUA Stuttgart.** Aloe-Blätter – Die Selbstzubereitung von Aloe-Gel im Haushalt birgt Risiken. Untersuchungsbericht mit Haushaltsversuch an einem Blatt. https://www.cvuas.de/pub/beitrag.asp?ID=2468&Pdf=No&Thema_ID=2&lang=DE&subid=1
**[4] Dal’Belo SE, Gaspar LR, Maia Campos PMBG.** Moisturizing effect of cosmetic formulations containing Aloe vera extract in different concentrations assessed by skin bioengineering techniques. Skin Research and Technology. 2006;12(4):241–246. DOI: 10.1111/j.0909-752X.2006.00155.x. Kleine Humanstudie mit 20 Frauen; keine allgemeine Produktbewertung. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/17026654/
**[5] National Center for Complementary and Integrative Health, NIH.** Aloe Vera: Usefulness and Safety. Überblick über Forschung, Nebenwirkungen und Vorsichtsmassnahmen. https://www.nccih.nih.gov/health/aloe-vera
**[6] Untersuchungsämter Baden-Württemberg.** Verzehr und Zubereitung von ganzen Aloe-Blättern – ein Update. Behördlicher Untersuchungsbericht und Verbrauchertipp. https://www.ua-bw.de/pub/beitrag.asp?ID=2792&Pdf=No&Thema_ID=2&lang=DE&subid=0
**[7] US Food and Drug Administration.** Microbiological Safety and Cosmetics. Informationen zu Verkeimung, Verarbeitung, Konservierung und Handhabung; keine Übernahme US-amerikanischer Rechtsangaben in die Beiträge. https://www.fda.gov/cosmetics/potential-contaminants-cosmetics/microbiological-safety-and-cosmetics
**[22] US Food and Drug Administration.** Using Cosmetics Safely. Hinweise zu Hygiene, Verdünnung, Anwendung und Lagerung. https://www.fda.gov/cosmetics/resources-consumers-cosmetics/using-cosmetics-safely